Viele Menschen erleben Suizidgedanken, was jedoch nicht automatisch heißt, dass sie sterben möchten. Meist steht dahinter der Wunsch, dass ein unerträglicher Zustand aufhört. Betroffene schwanken oft zwischen dem Wunsch zu sterben und dem Wunsch zu leben. Genau diese Ambivalenz steht im Zentrum des Ambivalenzmodells der Suizidalität von Tobias Teismann und Thomas Forkmann (2024).
Der Kerngedanke
Ambivalenz begleitet den gesamten suizidalen Prozess – vor, während und nach einem Suizidversuch. 94 % der suizidalen Personen berichten von ambivalentem Erleben (Harris et al., 2010). Das ABS-Modell orientiert sich nach Pöldinger (1968) an drei Phasen des suizidalen Prozesses:
- 1. Unsicherheitsphase
- (Tage bis Monate, teils Jahre)
Belastungen (Verlust, Krankheit, psychische Erkrankung) lassen die Möglichkeit eines Suizids ins Blickfeld rücken. Gründe zu sterben (z. B. Einsamkeit, seelischer Schmerz) und Gründe zu leben (z. B. Beziehungen, Zukunftspläne) ringen miteinander.
- (Tage bis Monate, teils Jahre)
- 2. Transitionsphase
- (oft nur Minuten bis Stunden)
Die Betroffenen erreichen einen sogenannten „Kipppunkt“ – den Übergang in die Transitionsphase, begünstigt durch Zugang zu potenziell tödlichen Mitteln. Die Entscheidung zum Suizid geht mit starker gedanklicher Einengung und „Fokus auf den Tod“ (Joiner, 2024) einher. Bei bis zu 48 % der Betroffenen liegen weniger als 10 Minuten zwischen Entscheidung und Handlung (u. a. Simon et al., 2002).
- (oft nur Minuten bis Stunden)
- 3. Handlungsphase
- Selbst während der Handlung bleibt Ambivalenz oft bestehen und scheinbare Zufälle (z. B. das Telefon klingelt) können zum Abbruch führen.
- Ambivalenz begleitet den suizidalen Prozess also bis zuletzt und ist dabei selbst dynamisch und starken Schwankungen unterlegen.
Implikationen in die Praxis
- Ambivalenz aktiv explorieren, Gründe zu sterben und zu leben gleichermaßen ernst nehmen (z. B. Motivational Interviewing)
- Zugang zu letalen Mitteln einschränken
- Notfallpläne, Skills und Hope Box erarbeiten
- Nach einem Suizidversuch wertschätzend, nicht stigmatisierend ansprechen
Fazit
Das ABS-Modell versteht sich als deskriptiv, nicht vorhersagend. Es liefert keine Risikoprognose, aber einen praxisnahen Rahmen: Wer Ambivalenz ernst nimmt, eröffnet Betroffenen die Möglichkeit, eine Entscheidung aufzuschieben und Hilfe anzunehmen.
Weitere Informationen zum Thema „Suizidalität“ und Hilfsangebote gibt es hier auf unserer Website.
